Flugangst überwinden

Um es gleich mal vorweg zu sagen: Mein erster Flug war mit 9 und das ist schon eine Weile her…. zwischen 10 und 16 bin ich mit Bahn, Bus, Motorrad und Schiff etc. gereist – aber nicht mit dem Flieger. Das kam erst wieder mit 20. Bis dahin hatte ich überhaupt keine Probleme mit irgendwelchen Panikattacken bei einem Fortbewegungsmittel. Dann wollten mein damaliger Freund und ich mit einem weiteren Pärchen nach Jugoslawien – ich denke, es war so um 1985…. . Der Flieger war kurz vor Montenegro, als ich das erste mal auf die Geräusche im Flieger geachtet habe… vermutlich war überhaupt nichts daran auszusetzen, nur in meinem Hirn flackerte der Gedanke auf: „Wieso tackert das so? Ist da was amMotor? Setzte da nicht gerade eine Teil des Geräusches aus? Oh Gott – beestimmt ein Defekt.. bestimmt stürzen wir gleich ab… “ Ich hätte auch genauso gut „Herzlichen Willkommen Flugangst“ … und damit begann erstmal ein langer Leidensweg.

Alle Menschen, die Flugangst haben, können sicherlich nachvollziehen, warum ich über „Leidensweg“ spreche. Oder besser gesagt: Alle Menschen, die schon mal eine Panikattacke hatte – oder auch unter einer generalisierten Angststörung leiden, wissen, wovon ich spreche.

Wie jeder aber auch unschwer erkennt, schreibe ich auf dieser Seite von meinen Reisen.. und die liegen ja nicht mal gerade 5 min von Mainz bzw. Frankfurt entfernt, also muss ja irgendwas passiert sein, dass die „Susi“ nun so rumreist….

Ich hole aber noch ein wenig aus, wenns recht ist…

Im Studium habe ich gelernt, was eine spezifische Phobie ist. Wie der Name schon sagt, bezieht sich die Panik auf „ganz bestimmte Situationen, Tiere, Dinge etc.“ Flugangst fällt demnach auch unter den Begriff „Spezifische Phobie“.

Ob man nun aber weiß, was das heißt, ob man es so wie ich näher beleuchtet im Psychologiestudium, wer von Flugangst betroffen ist, dem nutzt es im ersten Moment nicht viel.

Ich habe lange Jahre damit verbracht, mich immer wieder zu hinterfragen, warum es gerade mir passiert. Immerhin bin ich sonst überhaupt nicht ängstlich, eher risikofreudig, stehe mit beiden Beinen im Leben, unabhängig, selbstverantwortlich etc. Aber genau da steckt oft schon der Knackpunkt. Wer sich noch nicht groß mit dem Thema Flugangst auseinander gesetzt hat, vermutet meist bei Flugängstlichen, dass es sich um unsichere, auch im Alltag ängstliche Menschen handelt. Natürlich sind auch solche betroffen. Ihr würdet Euch aber wundern, wenn Ihr wüsstet, wieviel Manager, Führungskräfte, Politiker etc. etc. , also Menschen, die auch im Alltag Verantwortung tragen müssen, gefangen nimmt.

Flugangst hat immer etwas mit „Kontrollverlust“ zu tun. Und gerade die Menschen, die ihr Leben gewohnt sind, selbst zu meistern und gewohnt sind, über ihren Alltag „Kontrolle“ zu haben.. – verlieren diese Kontrolle, in dem Moment, wo sie ins Flugzeig steigen.

Mir ging es ebenso. Sobald ich im Flieger saß und die Türen zu gingen…. war die Angst da. Sie fragte mich auch nicht.. sie war einfach da und flüsterte mir die fürchterlichsten Szenarien ins Ohr: „Tja Susi… nun hockst Du hier, kommst nicht mehr raus… Türen sind zu. Außer Du machst einen riesen Ärger, dann lassen sie dich vielleicht noch mal aussteigen. Schön peinlich dann. Aber Du weißt schon, dass Du jetzt einzig und allein darauf angewiesen bist, dass keiner der Flugzeugtechniker gepennt hat bei der Arbeit? Das Du Dein Leben dem Piloten und Copiloten anvertraust.. hm? Wäre ja schrecklich, wenn die Triebwerke versagen.. oder irgendwas anderes kaputt geht… oder oder oder…

Es war jedesmal die Hölle.

Und ich bin wirklich jedes Jahr aufs Neue geflogen – quasi 20 Jahre Flugangst !! Wenn man sich das mal überlegt.. welch eine Tortour für die Nerven. Ich bin mal in Griechennd angekommen, da sagte mir ein Pärchen, welches ich im Hotel kennengelernt habe: „Du warst so blass beim Check in im Hotel, dass wir dachten, du hast eine totbringende Krankheit“. Oha.. ich möchte nicht wissen, wie ich aussah.

Um es auf den Punkt zu bringen. Wer Flugangst hat, dem ist erstmal egal, was andere sagen, der glaubt weder einer Stewardess, noch schlauen Büchern.. zumindest mir erging es so. Das einzige was half waren meine beiden Kinder, als sie klein waren, denn die zwangen mich dazu, mich zusammenzureißen – denn ich wollte auf keinen Fall, dass sie etwas davon mitbekamen. Sie sollten Spaß haben und unbefangen fliegen. Wenn es ganz schlimm wurde mit meiner Angst, habe ich mein Gesicht entweder in ein Kuscheltier von den beiden versteckt (Mami muss mal die Augen zu machen) oder bin mal kurz auf der Toilette verzweifelt.

Irgendwann hatte ich dann sooo die Nase voll, dass ich mich nicht nur mit den Büchern beschäftigt habe, die einem erklären, warum man keine Angst vorm fliegen haben muss – sondern ich habe mich wirklich mit mir auseinander gesetzt.

Ich kann Euch nur sagen, was meine Antworten waren.. wie Ihr damit umgeht, müsst Ihr ganz allein entscheiden.. wie immer im Leben. Die letzte Verantwortung für sich, liegt auch bei einem selbst.

1.) Wovor habe ich Angst?

Ich hatte keine Angst vorm Tod – sondern vorm sterben.

2.) Warum habe ich nicht in anderen Situationen Angst vorm Tot bzw. sterben – oder wo habe ich es noch:

Ich hatte keine Angst in anderen Situationen – jedenfalls nicht im Alltag. Ich fuhr ohne Bedenken : Auto, Motorrad (selbst und hinten drauf), Inliner, Fahrrad, Boot, Schiff, und ich nahm interessanterweise jede Achterbahn auf der Jahrmarkt mit. Wobei ich feststellen musste: Ja, jedes Karussel, was schnell und hoch war , fand ich klasse – aber ich steige in kein Riesenrad. Aaaaha… ist ja schon mal komisch.. – Warum nicht?

Weil ich im Riesenrad genug Zeit habe, mir darüber klar zu werden, dass ich evtl. abstürzen könnte, oder die Gondel.. sprich – ich hatte Zeit über was nachzudenken?

Richtig…. den KONTROLLVERLUST!

Ich hatte Angst die Kontrolle über mein Leben zu verlieren – im Riesenrad, im Flugzeug.. und – ich würde auch um „Himmels Willen nicht in einen Heißluftballon steigen“ – dafür könnte man mich zum Bangee jumpen und vermutlich auch noch zum Fallschirmspringen überreden… obwohl ich beim Letzteren Angst hätte, dass ich die Krise bekommen, wenn man dann langsam mit dem offenen Fallschirm gen Erde segelt…

Die 3. Frage, die ich mir stellte war: Wie wichtig ist es mir zu reisen – und demnach zu fliegen?

Absolut wichtig! Man geht ja gern Vermeidungsverhalten ein, wenn man etwas nicht mag, sich ängstigt oder nur ungern unternimmt… aber ich wollte das nicht. Ich wollte mich nicht einem Gefühl unterordnen, welches mein Leben so dominiert. Denn dann hätte die Angst über mich die Kontrolle – und an die, wollte ich diese mit Sicherheit nicht übergeben.

4. Wer Flugangst hat und fliegen bzw. reisen in ferne Länder möchte – hat keine andere Wahl – er muss sich seiner Angst stellen… hört sich schwer an – ist es auch. Lohnt sich aber.

Was ich noch schnell einschieben möchte, war mein Schlüsselerlebnis auf einem Flug, bei dem meine Kinder – wie fast immer – ein Spiel von der Fluggesellschaft bekommen hatten. Es war ein Legespiel bei dem man, ähnlich dem Sudoku-Spiel, Kästchen so lange neu anordnen musste, dass die Zahl in der Mitte errechnet werden konnte . Meine Mädchen waren damals an ganz anderen Dingen interessiert, und somit landete das Spiel auf meinem zitternden Schoß. Der Flieger wackelte mal wieder, und ich hatte Schweißperlen auf der Stirn und hoffte inständig, dass es nicht auffiel. In meiner Verzweiflung griff ich nach diesem Spiel und konzentrierte mich darauf. Und tatsächlich es klappte. Das Spiel nahm mich so gefangen, dass ich nicht mal mitbekam, dass wir tatsächlich durch Turbulenzen flogen. Mein damaliger Freund hat mir erst hinterher gesagt, dass es wirklich einige Male heftig gewackelt hat und er ganz irritiert war, dass ich so über dem Spiel vertieft blieb. Ich war wie angefixt von dem Teil und als ich es endlich gelöst hatte, fiel mir mit Schrecken auf, dass 1 Std. vergangen war und ich davon nicht 1 Minute Angst gehabt hatte. Als mir das auffiel, sprach die Stewardess gerade in ihr Mikrofon, dass wir uns jetzt in den Landeflug begeben würden.. und ich war tatsächlich entspannt und konnte aus dem Fenster sehen. Von da an wusste ich: Es ist also möglich! Man kann seine Angst austricksen.. oder was auch immer.. es war möglich.. <

Nein… meine Flugangst war dadurch natürlich nicht weg. Mitnichten. Aber es blieb in meinem Kopf, dass es machbar war, die Angst quasi „auszuschalten“ oder für einige Zeit auszublenden.

Was sagt uns das? Angst existiert in unseren Köpfen – weil wir sie da reinlassen und oftmals nicht mehr raus. Wir bestimmen selbst, was in unseren Köpfen passiert. Und wir wissen das längst. Wenn wir uns ärgern oder schlecht gelaunt sind, wird es nicht besser, wenn wir negative Gedanken schüren und uns weiter reinsteigern. Oft geht es einem auch nicht gut, wenn man eigentlich gute Laune hatte, und negative Menschen erzählen negative Dinge, die uns dann auf einmal mies gelaunt machen.. und wie oft kommt es vor, dass man total schlecht drauf ist.. und jemand gut gelauntes postives sagt: „Ach komm, ist doch alles nicht so schlimm. Schau lieber auf das was schön ist “ und ehe man sich versieht, hat man gute Laune. Es hat also alles etwas mit unsere Denkweise zu tun.

Ja, ja.. ich weiß… soweit die Theorie, aber wie setzt man es um…

Ich denke, es kommt auf den Grad der Flugangst an. Es gibt Menschen, die können nicht mal in die Nähe eines Flughafen, ohne am Rad zu drehen. Diesen würde ich zunächst empfehlen: versucht einen Verhaltenstherapeuten aufzusuchen, denn dieser kann mit Euch direkt und vor Ort die Flugangst explorieren – sprich: Schrittweise durch Konfrontation gegen die Angst vorgehen.

Wenn Ihr es aber bis in den Flieger schafft, dann kriegt Ihr das vllt auch allein hin. Es spricht aber wirklich und überhaupt nichts dagegen, sich fachärztliche Hilfe zu suchen. Dies möchte ich vor allem den Menschen ans Herz legen, die auch im Alltag unter Angst- und Panikattacken leiden. Bitte lasst Euch von einem erfahrenen Psychologischen Psychotherapeuten helfen – denn eine Angststörung kann sich generalisieren – und dass ist wirklich schlimm im Alltag.

Psychotherapeutensuche bundesweit

Nachdem ich dann auf diesem besagten Flug die Erfahrung gemacht hatte, dass man tatsächlich Flugangst ausblenden kann, wollte ich das natürlich nun ständig erreichen. Und….versagte..😊 Ist also wie mit dem Rauchen aufhören, geht nicht von jetzt auf gleich.

Ich habe mir also überlegt, was ich tun kann, damit ich mich ablenke. Bei mir ist immer der Start das Schlimmste… bei Euch kann es die Landung sein.. oder oder…

Bevor Ihr das aber anwendet rate ich Euch dringend einen Entspannungskurs vorher zu machen.. entweder über die Volkshochschule, oder über die Uni, die Krankenkassen bieten das an etc. etc. – Wichtig ist, dass Ihr es bitte nicht erst 2 Wochen vor Reisebeginn anfangt. Um sich eine Gewohnheit anzueignen oder auch sich davon zu distanzieren, bedarf es mind. 6 Wochen. Also bitte nicht kurz vor knapp. Manche nutzen auch youtube Anleitungen für geführtes autogenes Training, oder Meditation.

„Jaaaaaaaaa, ich weiß – – “ da rollen jetzt einige mit den Augen – habe ich früher auch gemacht – aber ich gebe auch nur Tipps ab – an die sich ja niemand halten muss. Entspannungsübungen nach Jacobsen sind persönlich nicht mein Ding – aber auch hier ist jeder Mensch anders.

Ich habe hier mal eine Seite von 2 Psychologen eingestellt, die ich sehr schätze – vllt. könnt Ihr ja damit etwas anfangen:

Angst und Panik – Ratgeber für Betroffene

Also Kurzfassung was ich gegen Flugangst empfehle:

Sucht Euch eine Fluggesellschaft, der Ihr

Es empfiehlt sich oft, einen Platz in der Nähe der Stewardessen (vorne oder hinten) zu buchen. siehe 3. Punkt unter 2)

1) Ich rede offen mit meiner Begleitung darüber (wenns sein muss auch mit dem Bordpersonal)

2) Ich habe positive Leitsätze im Kopf:

  • Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel
  • Der Pilot möchte auch überleben
  • Die Stewardessen sehen entspannt aus – alles ist normal
  • ich darf Angst haben – sie nutzt mir jetzt nur nichts. Ich habe mich für den Flug entschieden. Ich gehe wie alle davon aus, dass alles gut geht – es macht keinen Sinn, jetzt Angst zu haben.
  • Ich entscheide mich zu vertrauen

3) Wenn meine Gedanken kreiseln und negative Gedanken ständig anklopfen –        Gedankenstopp ausführen  (Bitte auch vorab mind. 6 Wochen üben)

Übungen zu Stress und Gedankenstopp

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4) Sichere Fluggesellschaften buchen. Wer seine ersten Flüge mit Billigfliegern startet, läuft eher Gefahr vllt. nicht so gern daran zurück zu denken. Warum? Die Fluggesellschaften unterscheiden sich wirklich in Bezug auf Service, Medienunterhaltung, etc. etc. Und das lassen sie sich auch bezahlen. Aber ich gebe das Geld gerne dafür aus, dass ich gefühlt „entspannter“ fliege. Bei Premium Economy zahle ich 200 Euro mehr – habe dafür aber gefühlt ständig Betreuung, Beinfreiheit, super bequeme Sitze und Komfort, komme direkt in den check in ohne Anzustehen und habe oft mehr Programme was Film und Musik betrifft, als wenn ich für 29 Euro mit Ryan Air fliege. Wobei ich Premium auch nur nutze, wenn ich länger als 4 Stunden unterwegs bin. Und noch was: Nichts gegen günstige Flieger… wirklich nicht – ich rede hier von Menschen, die sowieso schon unter Stress stehen. Da ist es einfach schöner, wenn man einen bequemen Sitz hat, Kopfhörer ins Bordprogramm stöpselt und ggf. eine Entspannungsübung oder lustigen Film vor der Nase hat.

 

Fortsetzung folgt